Das EU-Parlament wechselt zu Qwant – aber ist das wirklich „europäisch“?
Der souveräne Arbeitsplatz – Teil 1 von 5: Suche
Lothar Zeitler · ForFoxes
30. September 2026
Serie „Der souveräne Arbeitsplatz”
Ein Arbeitsplatz besteht aus wenigen Grundfunktionen – und für jede gibt es heute eine ernstzunehmende europäische Alternative. In fünf Teilen nehme ich sie einzeln unter die Lupe: Teil 1: Suche (dieser Beitrag) · Teil 2: Dokumente · Teil 3: E-Mail · Teil 4: Chat & Zusammenarbeit · Teil 5: Speicher & Groupware
Warum beginnt eine Serie über den souveränen Arbeitsplatz ausgerechnet mit der Suchmaschine? Weil sie der unscheinbarste Baustein ist – und zugleich der, an dem sich am schnellsten zeigt, wie Souveränität tatsächlich funktioniert. Die Suche ist das Tor, durch das fast jede Recherche, jede Entscheidungsvorbereitung und inzwischen auch jede KI-Anwendung ins Netz geht. Wer den Index kontrolliert, sortiert die Realität. Und: Die Suche ist der Baustein, bei dem ein Wechsel am wenigsten wehtut. Ideal also, um anzufangen.
Den Anlass liefert das Europäische Parlament. Im Juni 2026 hat es Google als Standard-Suchmaschine auf seinen Rechnern abgelöst und durch die französische Suchmaschine Qwant ersetzt – begründet mit dem Bekenntnis zur digitalen Souveränität und zum Schutz personenbezogener Daten. Knapp vier Monate später lohnt sich ein zweiter Blick. Denn die spannende Frage war nie, ob gewechselt wurde, sondern: Ist Qwant wirklich eine europäische Lösung – oder nur eine europäische Hülle um amerikanische Technik? Seit Ende Juli lässt sich diese Frage deutlich besser beantworten als noch im Frühsommer.
Was genau passiert ist
Seit dem 4. Juni 2026 ist Qwant die voreingestellte Suchmaschine in den Browsern Microsoft Edge und Mozilla Firefox auf den Geräten des Parlaments, in Brüssel wie in Straßburg. Zuerst hatte Politico eine interne E-Mail an die Abgeordneten öffentlich gemacht, danach bestätigte das Parlament den Schritt offiziell. Betroffen sind mehr als 10.000 Menschen – Abgeordnete, Mitarbeitende und parlamentarische Assistenten.
Der Zeitpunkt war kein Zufall. Einen Tag zuvor, am 3. Juni, hatte die Europäische Kommission ihr Tech-Souveränitätspaket vorgestellt – mit der ernüchternden Ausgangsdiagnose, dass über 80 Prozent der wichtigsten digitalen Produkte, Dienste und Infrastrukturen der EU von außerhalb kommen. Und der Wechsel hatte eine Vorgeschichte im Haus selbst: Bereits im November 2025 hatten 38 Abgeordnete Parlamentspräsidentin Roberta Metsola aufgefordert, Microsoft-Produkte und andere außereuropäische Technologie schrittweise durch europäische Alternativen zu ersetzen. Frankreich ist ohnehin schon weiter: Dort wurden Teams und Zoom durch die Eigenentwicklung „Visio” abgelöst, Verwaltungsarbeitsplätze wandern auf Linux.
Wichtig für die Bewertung bleibt: Es handelt sich um eine Voreinstellung, nicht um einen Zwang. Wer lieber Google, Bing oder DuckDuckGo nutzt, kann die Standardsuche jederzeit zurückstellen. In der Sprache der Verhaltensökonomie ist das ein „weicher” Default – wirksam, weil die meisten Menschen Voreinstellungen nicht ändern, aber eben reversibel.
Wer steckt hinter Qwant?
Auf der Eigentümerebene ist die Antwort eindeutig europäisch. Qwant ist ein französisches Unternehmen mit Sitz in Paris, gegründet 2011 und seit 2013 öffentlich am Markt. Seit 2023 gehört es zur französischen Gruppe Synfonium, hinter der mit rund 75 Prozent die Brüder Octave und Miroslaw Klaba stehen – Octave Klaba ist Gründer des Cloud-Anbieters OVHcloud – sowie mit rund 25 Prozent die staatliche Banque des Territoires, Teil der Caisse des Dépôts. Die Infrastruktur wird in Europa betrieben, das Geschäftsmodell verzichtet auf personalisiertes Tracking und den Verkauf von Nutzerprofilen.
Eigentum, Sitz, Hosting, Datenschutz: Nach all diesen Kriterien ist Qwant europäisch. Damit könnte man die Geschichte beenden. Tut man aber besser nicht.
Die entscheidende Frage: eigener Index oder Bing im Hintergrund?
Souveränität bei einer Suchmaschine entscheidet sich nicht am Firmensitz, sondern am Suchindex – der ständig aktualisierten Datenbank des Webs, aus der die Ergebnisse stammen. Einen solchen Index zu betreiben ist extrem teuer, weshalb im westlichen Internet im Wesentlichen nur Google und Microsoft (Bing) einen vollständigen unterhalten. Fast alle „Alternativen” – DuckDuckGo, Ecosia, lange auch Qwant – beziehen ihre Ergebnisse ganz oder teilweise von Bing. Eigene Indizes betreiben nur wenige, etwa Brave und mit Einschränkungen Mojeek.
Genau hier lag der historische Schwachpunkt von Qwant. Seit 2016 ergänzte das Unternehmen seinen unvollständigen eigenen Index durch Bing; laut einem internen Bericht der französischen Digitalbehörde DINUM von 2019 stammten damals rund zwei Drittel der Ergebnisse von Microsoft. Wer „Qwant” tippte, bekam zu einem erheblichen Teil Bing – in europäischer Verpackung.
Dass sich das ändern musste, hatte nicht nur politische, sondern ganz handfeste Gründe. 2024 erhöhte Microsoft die Preise für den Zugriff auf seine Such-API drastisch, 2025 stellte es die öffentliche Bing Search API ganz ein. Wer auf fremder Suchinfrastruktur aufbaut, erlebt eben irgendwann, dass der Lieferant die Bedingungen diktiert. Das ist, im Kleinen, die ganze Souveränitätsdebatte.
Staan: vom Versuch zur Infrastruktur
Die Antwort darauf gründeten Qwant und der Berliner Anbieter Ecosia im November 2024: das 50:50-Gemeinschaftsunternehmen European Search Perspective (EUSP) mit Sitz in Paris. Sein Produkt ist Staan (Search Trusted API Access Network), ein eigener, in Europa betriebener Suchindex samt Schnittstelle, über die auch Dritte zugreifen können – andere Suchmaschinen ebenso wie KI-Anbieter.
Die Entwicklung seither lässt sich in drei Schritten erzählen:
August 2025 – Frankreich. Staan geht online und liefert erste französische Suchergebnisse für Qwant und Ecosia aus. Inzwischen bedient der französische Index nach Angaben von Ecosia einen Großteil der Anfragen dort.
Juni 2026 – die Öffnung für KI. Auf der VivaTech in Paris öffnet Qwant die Staan-API öffentlich, gezielt für KI-Anwendungen, die für aktuelle Antworten Web-Zugriff brauchen. Das ist strategisch klug: Google gibt hier nur sehr begrenzt Zugang, Microsoft hat seine Such-API eingestellt – es entsteht eine echte Marktlücke. Neben Qwant und Ecosia nutzt inzwischen auch die Suchmaschine Lilo den Index.
30. Juli 2026 – Deutschland. Das ist das eigentliche Update seit dem Parlamentswechsel: EUSP hat einen eigenen deutschen Webindex in Betrieb genommen, samt eigener Ranking-Algorithmen. Er umfasst laut Ecosia-Geschäftsführer Wolfgang Oels, ähnlich wie der französische, rund eine Milliarde Webseiten. Der Anteil der Ergebnisse aus dem eigenen Index wird schrittweise hochgefahren; Ecosia nennt als Ziel, bis Ende 2026 die Mehrheit der deutschen Anfragen darüber zu beantworten.
Damit existiert zum ersten Mal eine Infrastruktur, mit der sich das deutsche und das französische Web unabhängig von US-Anbietern durchsuchen lassen. Das ist kein Detail. Das ist genau der Schritt, der den Unterschied zwischen „europäischer Oberfläche” und „europäischer Infrastruktur” ausmacht.
Zwei Einschränkungen gehören dennoch dazu. Erstens ist das Mehrheitsziel eine Unternehmensangabe, kein gemessener Wert – einen belastbaren öffentlichen Wert dafür, welcher Anteil einer deutschen Suche heute bereits aus dem EUSP-Index stammt, gibt es nicht, und unabhängige Qualitätsvergleiche liegen ebenfalls noch nicht vor. Zweitens hängt der Erfolg auch an der Regulierung: Oels betont selbst, dass Europas Chance auf digitale Souveränität davon abhängt, ob die Kommission den Digital Markets Act konsequent durchsetzt – denn dieser verpflichtet die großen Plattformen zur Herausgabe von Daten, die für die Qualität von Suchergebnissen entscheidend sind.
Ein regulatorischer Befund aus dem Vorjahr passt ins Bild: Im November 2025 wies die französische Wettbewerbsbehörde Autorité de la concurrence eine Beschwerde von Qwant gegen Microsoft zurück – mit der bemerkenswerten Begründung, Qwant verfüge über eigene Suchtechnologie und sei wirtschaftlich nicht von Microsoft abhängig. Für Qwant war das im Verfahren eine Niederlage, als Beleg für gewachsene Eigenständigkeit aber durchaus aussagekräftig.
Was bedeutet das für den DACH-Raum?
Für Organisationen in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist der deutsche Index die relevanteste Nachricht dieses Jahres im Suchmarkt – und zwar weniger wegen der klassischen Suchmaschine als wegen KI. Wer heute einen Chatbot, einen internen Assistenten oder eine RAG-Anwendung mit aktuellem Web-Wissen versorgen will, war bisher praktisch zwingend auf Google oder Microsoft angewiesen. Mit Staan gibt es erstmals eine europäische Schnittstelle, die deutschsprachige Inhalte abdeckt. Für KI-Projekte in regulierten Branchen ist das eine echte Option, die es vor einem Jahr noch nicht gab.
Offen ist allerdings, wie gut österreichische und Schweizer Inhalte abgedeckt sind. Eine entsprechende Anfrage österreichischer Medien ließ Ecosia zunächst unbeantwortet, und auch für .ch-Seiten gibt es keine öffentliche Dokumentation. Wer in der Schweiz auf Staan setzen will, sollte das vorab im eigenen Anwendungsfall testen.
Wird das im Parlament konkret umgesetzt?
Ja – mit denselben Einschränkungen wie im Juni, nur jetzt mit mehr Zeitabstand.
Der Wechsel ist real und live: offiziell bestätigt, mit klarem Startdatum, auf allen institutionellen Browsern. Kein Absichtspapier, sondern eine umgesetzte technische Änderung.
Er bleibt aber ein veränderbarer Default. Wie viele Abgeordnete und Mitarbeitende tatsächlich bei Qwant bleiben, ist auch knapp vier Monate später nicht bekannt – belastbare Nutzungszahlen aus dem Parlament liegen weiterhin nicht vor. Der Effekt ist real, in seiner Tiefe aber nach wie vor nicht messbar.
Und „Standard im EU-Parlament” heißt noch nicht „100 Prozent europäischer Index”. Solange Staan nicht alle Anfragen und Sprachen abdeckt, fließt ein Teil der Ergebnisse weiterhin über Bing. Qwant selbst spricht von „schrittweiser Unabhängigkeit” – die Schritte sind seit Juli allerdings deutlich größer geworden.
Substanz oder Symbol?
Beides. Das gilt weiterhin – aber die Gewichte haben sich verschoben.
Symbol ist der Wechsel, weil ein veränderter Default bei gut 10.000 Menschen den Suchmarkt nicht umwälzt, weil Nutzungszahlen fehlen und weil ein Teil der Ergebnisse vorerst weiter aus Redmond kommt.
Substanz ist er, weil dahinter inzwischen mehr steht als eine Absichtserklärung: zwei nationale Indizes mit je rund einer Milliarde Seiten, ein eigenes Ranking, eine öffentlich nutzbare API und erste externe Kunden. Und weil staatliche Nachfrage genau der Hebel ist, der ein solches Vorhaben wirtschaftlich trägt. Die EUSP beziffert die Kosten eines vollständigen, mehrsprachigen Index auf rund 50 Millionen Euro und hat im März 2026 in offenen Briefen an alle EU-Regierungen vorgeschlagen, nationale Suchindizes als öffentliche digitale Infrastruktur aufzubauen. Parlamente und Behörden als Default-Kunden sind der Anfang dieser Nachfrage.
Wer also fragt „Ist das wirklich europäisch?“, bekommt heute eine Antwort in drei Stufen: Eigentümer – ja. Hosting und Datenschutz – ja. Suchindex – für Französisch und neu auch Deutsch im Aufbau und im Einsatz, noch nicht vollständig, aber mit belegbarem Fortschritt.
Der Souveränitäts-Kompass, angewendet
Durch diese Serie zieht sich ein einfaches Prüfraster aus fünf Fragen, das sich an jeden Baustein des Arbeitsplatzes anlegen lässt. Für die Suche ergibt es folgendes Bild:
Rechtsraum – Qwant und EUSP sitzen in Frankreich, die Daten unterliegen der DSGVO. Kein CLOUD Act. ✔
Datenkontrolle – kein Tracking, keine Profilbildung, keine Speicherung von Suchverläufen zu Werbezwecken. ✔
Offenheit – der Index ist über die Staan-API auch für Dritte zugänglich; das schafft Wettbewerb statt eines neuen Monopols. ✔
Betreibbarkeit – für Organisationen ist der Wechsel eine Browser-Richtlinie, zentral per Gruppenrichtlinie oder MDM ausrollbar. Aufwand: minimal. ✔
Kosten und Qualität – die Suche ist kostenlos; der eigentliche Preis ist die Ergebnisqualität bei Spezialanfragen, die je nach Thema noch hinter Google zurückbleiben kann. Hier lohnt ein Testlauf. ◐
Kaum ein anderer Baustein schneidet so gut ab – und bei keinem ist der Einstieg so einfach. Genau deshalb steht die Suche am Anfang dieser Serie.
Fazit
Der Qwant-Wechsel des EU-Parlaments war im Juni ein bewusst gesetzter Anker. Knapp vier Monate später zeigt sich, dass an diesem Anker tatsächlich etwas hängt: Mit dem deutschen Index ist aus dem europäischen Suchprojekt eine Infrastruktur geworden, die für Suchmaschinen und KI-Anwendungen im DACH-Raum real nutzbar ist. Der Lackmustest ist damit nicht bestanden, aber er ist greifbarer geworden – er entscheidet sich an der Frage, ob Staan die angekündigten Anteile tatsächlich erreicht, ob die Qualität mithält und ob weitere Regierungen und Institutionen dem Parlament folgen.
Für Organisationen, die ihre eigene Souveränitätsstrategie schärfen, bleibt die Lehre dieselbe: Souveränität misst sich nicht am Logo auf der Startseite, sondern daran, wer die darunterliegende Infrastruktur kontrolliert. Und die Suche ist der Baustein, bei dem man diese Lehre am einfachsten selbst in die Praxis umsetzen kann – mit einer einzigen Browser-Einstellung.
Im nächsten Teil geht es um einen Baustein, der deutlich tiefer in den Arbeitsalltag eingreift: Dokumente – und die Frage, warum Deutschland das Open Document Format zur Pflicht macht.
Quellen
heise online – „Im EU-Parlament: Google wird als Standard-Suchmaschine durch Qwant ersetzt” (Juni 2026) sowie „Ecosia und Qwant starten deutschen Webindex” (30.07.2026)
Politico / Euractiv – Berichte zur internen E-Mail des Parlaments (Juni 2026)
futurezone.at – „Europäische Google-Alternative erreicht neuen Meilenstein” (30.07.2026)
techzeitgeist.de – Einordnung zum deutschen EUSP-Index (August 2026)
TechCrunch – Berichte zur Gründung der EUSP (November 2024) und zum Start von Staan (August 2025)
Autorité de la concurrence – Entscheidung zur Beschwerde Qwant gegen Microsoft (27.11.2025)
Cybernews – Bericht zum offenen Brief der EUSP an die EU-Regierungen (März 2026)
Wikipedia – Artikel „Qwant”, „Ecosia” und „European Search Perspective” (Eigentümerstruktur, DINUM-Bericht 2019, Staan-API auf der VivaTech 2026)
Stand: 30. September 2026. Aktualisierte Fassung eines Beitrags vom Juni 2026. Nutzungszahlen aus dem Parlament und der jeweilige Abdeckungsgrad von Staan sind nicht öffentlich dokumentiert und können sich laufend ändern.
